Eigentlich sollte dieser Blogeintrag nicht entstehen. Ich wollte nur mal kurz sehen, wieviel Schnee die nasskalte Aprilwoche gebracht hat. Aber dann war es so schön, dass die Fotos einfach nach einer Dokumentation schreien. Die kurze Tour von der Rigi Scheidegg über den Dossen und den Felsenweg nach Rigi-Staffel ist bekannt und hier in umgekehrter Richtung schon beschrieben. Aber mit bis zu einem Meter Neuschnee, durch den mit viel Kraft eine Spur gezogen werden will, ist alles anders.
Ich parkiere auf dem ungewohnt leeren Parkplatz der Kräbelbahn oberhalb von Goldau. Der Maschinist erzählt mir, dass das kleine Bähnchen diesen Sommer abgebrochen und durch ein Neues ersetzt wird. Etwas mitleidig schaue ich die alte Kiste an, am 14. Mai soll sie letztmals fahren. Inzwischen schweben wir hoch, und ich blicke staunend in die Runde. Alles weiss, bis hin ins flache Zugerland. Das Grün der Bäume, der blütenweisse frische Schnee, darüber ein stahlblauer Himmel. Unverschämt schön.
Auf der Scheidegg ist tiefer Winter, die Aussicht betörend. Es ist still, die Beizen sind noch zu. Der Weg über das alte Bahntrassee nach Rigi Kaltbad wurde gestern offenbar gepflügt, ist aber auch mit 10cm Neuschnee bedeckt. Ich glaub’s nicht, es ist der 29. April! Von der anderen Seite des Vierwaldstättersees lacht mir der Brisen zu, der zwei Wochen nach meinem Besuch wieder fest in Winterhand ist.
Der Gratwanderweg versteckt sich unter einer mindestens 80 Zentimeter dicken Daunendecke. „Kein Problem, den Weg kennst Du ja bestens“, denke ich, und schnalle meine Schneeschuhe an. Doch der Pulverschnee lässt mich bis über die Knie einsinken. Hmm, das wird eine Konditionstour. Die Aussicht auf das Eintauchen in die unberührte Schneelandschaft ist aber Motivation genug und mobilisiert den nötigen Willen. Es wird mehr ein Waten als ein Laufen, Pinguine watscheln bestimmt eleganter, zwischendurch lache ich über mich selber.
Am Fuss des Dossen treffe ich auf eine Tourenskispur, die das Fortkommen etwas erleichtert, auch wenn ich bei jedem Schritt nochmals mindestens 20 Zentimeter einsinke. Das braucht viel Kraft, ich spüre den Muskelkater im Gesäss, während ich diese Zeilen schreibe. In Schneckentempo erklimme ich den Grat. Das macht aber nichts, denn ich komme aus dem Staunen nicht heraus. Jetzt kenne ich diese Region doch so gut, aber mit diesem April-Schnee ist einfach alles anders! Der Vierwaldstättersee leuchtet in einem tiefen Blau, das ich meine so noch nie gesehen zu haben.
Auf dem Gipfel treffe ich zwei Einheimische, die sich genauso freuen über den aussergewöhnlichen Tag. Ich frage sie, ob die steile, noch nicht gespurte Westseite lawinengefährdet sei. Sie verneinen, und so mache ich mich wieder ans Spuren. Auf dem Chli Dosse lasse ich mich in eine Wächte fallen. Das schöne Stilleben des Bänkchens (Bild) möchte ich nicht zerstören – ich fühle mich wie in Watte gepackt.
Den Abstieg über die steile Flanke durch den tiefen Schnee wird zum nächsten Highlight. Mit den Schneeschuhen surfe ich leichtfüssig durch den Pulver, das Panorama auf See und Alpenkette ist umwerfend. Genuss pur. Von dem träumen die Skitüreler noch, denen ich auf der halben Höhe begegne. Sie kämpfen sich im Zickzack hoch, der Vorderste ist bachnass, seine Mitstreiter sehen ziemlich mitgenommen aus. Wir lachen zusammen, dann setzen wir unsere Wege fort.
Die kurze Strecke von der alten Eisenbahnbrücke bis zum Beginn des Felsenwegs bringt etwas Erholung. Es läuft sich leicht auf dem gepfadeten Weg. Der Felsenweg muss dann wieder mit etwas Anstrengung erarbeitet werden, noch ist sie spurlos. Aber es lohnt sich: Die Flanken sind geliert, überall hängen Eiszapfen hinunter. Die nun rasch wärmer werdende Sonne macht das Ganze aber auch etwas heikel. Überall löst sich Schnee und Eis von den Felsen. Ich beschleunige meinen Gang und blicke ständig nach oben, um grösseren Abbrüchen ausweichen zu können. Trotz Kapuze bin ich ziemlich nass am anderen Ende dieses schönen Teilstücks.
Bei Rigi First erreiche ich die Zivilisation und den Fahrweg. Die Beizen sind auch hier noch zu. Nach kurzem Überlegen verzichte ich auf die Überschreitung des ebenfalls noch ungespurten Rotstocks. Der Schnee auf der Sonnenseite wird nun rasch schwer, die Schmelze setzt rasch ein. Stattdessen wähle ich den Weg zum Kaltbad und setze mich zu den zahlreichen Touristen ins Rigi-Bähnli. Auf dem Staffel steige ich aus und leite bei einem Teller Gulaschsuppe den Chill-Teil des Tages ein.
Tourdatum: 29. April 2017
Hallo Edwin,
ich erfreue mich immer wieder an deinen bombastischen, ausdrucksstarken Bildern.
Auch deine Leidenschaft BERGE, wird in deinen spannenden, ausführlichen Berichte
deutlich spürbar….mach weiter so. Danke, das du deine Freude mit uns teilst.
Ich wünsche dir erholsame und friedvolle Tage, mit viel Freude und Sonnenschein.
Liebe Grüsse Bernadette
Liebe Bernadette,
Das freut mich sehr. Du kannst auch sehr gerne einmal mitkommen – in „echt“ sieht, hört und fühlt sich alles nochmals besser an…
Herzlich, Edwin